Philipp

"Von nun an geht es nur noch bergauf" - Kryoablation als Methode der Wahl in der Kinderkardiologie

“Ich dachte, ich müsste sterben!”

„Mama, ich sterbe“ – Worte aus dem Mund eines kleinen Jungen, die seiner Mutter ihr Leben lang in furchtbarer Erinnerung bleiben werden. „Es war am 27. Juni 2003, Philipps sechstem Geburtstag“, erzählt Sabrina S.. „Er tobte ausgelassen in unserem Garten herum und balgte sich mit einem Freund. Plötzlich kam er an, kreideweiß im Gesicht, die Lippen blau. Er japste nach Luft und stammelte, dass er jetzt sterben müsse ...“

Der bedrohliche Anfall kam plötzlich, aber für Familie S. aus S. bei Kassel nicht ganz unerwartet. Schon seit Philipps Geburt wussten sie, dass er am so genannten Wolff-Parkinson-White (WPW)-Syndrom leidet, einer angeborenen Herzrhythmusstörung. Schuld daran ist eine zusätzliche Leitungsbahn im Herz. Sie übermittelt die elektrischen Impulse vorzeitig von den Vorhöfen an die Kammern und verursacht dadurch einen Kurzschluss, der zu Herzrasen führt.

Seine Eltern suchten Hilfe beim Kinderkardiologen Prof. Dr. Thomas Paul vom Herzzentrum Göttingen. Der Mediziner erklärte ihnen, man könne die zusätzliche Leitungsbahn dauerhaft veröden und somit unschädlich machen.

„Bis Anfang 2006 war Ruhe, dann kamen die Anfälle schon nach der kleinsten körperlichen Anstrengung“, beschreibt Sabrina S.. „Einer davon war so heftig, dass wir das Schlimmste befürchteten.“ „Ich hatte das Gefühl, meine Brust platzt auf“, sagt Philipp selbst. Von nun an durfte er das Haus kaum noch verlassen – eine Qual für den lebhaften Jungen. Die Mutter: „Uns war klar, dass endlich etwas passieren musste.“

Familie S. wandten sich erneut an Prof. Paul. Die zusätzliche Leitungsbahn war bei Philipp an der Herzaußenwand gelegen, weshalb das Verfahren der Kryoablation sich als Methode der Wahl herausstellte. Hierbei wird das krankhafte Herzgewebe über einen Katheter mit minus 70 Grad kaltem Lachgas verödet.

Vier Wochen später war es soweit – und es lief alles nach Plan. „Als Professor Paul uns sagte, Philipp sei jetzt gesund, haben mein Mann und ich vor Freude geweint. Nach zwei Tagen wurde er als geheilt entlassen.“ „Wir genießen jeden gemeinsamen Moment“, lächelt Mama Sabrina. „Von nun an geht es nur noch bergauf.“

Herzrhythmusstörungen:

Man unterscheidet zwei Formen: Schlägt das Herz dauerhaft zu langsam (weniger als 50-60mal pro Minute), spricht man von einer Bradykardie. Eine so genannte Tachykardie liegt dagegen vor, wenn der Puls auch in Ruhe auf über 100 (Kinder: 180) Schläge pro Minute beschleunigt ist und sich als Herzrasen bemerkbar macht.

Ursache einer Bradykardie ist eine unterbrochene oder blockierte Reizleitung im Herzen. Dagegen wird eine Tachykardie sehr häufig durch einen elektrischen Kurzschluss im Herzen ausgelöst. Bradykarde Patienten benötigen einen Herzschrittmacher. Bei Tachykardien ist eine medikamentöse Therapie meist wirksam. Allerdings ist hier unter Umständen eine langjährige bzw. unter Umständen auch lebenslange medikamentöse Behandlung erforderlich.

Eine Möglichkeit, die Tachykardien ohne weitere Medikamentengabe dauerhaft zu beseitigen, ist die Katheterablation. Hierbei werden während einer speziellen Herzkatheteruntersuchung jene Herzmuskelzellen verödet, die für das Herzrasen verantwortlich sind.

Was ist das Besondere an der Kryoablation bei Tachykardien?

Prof. Dr. Thomas Paul: Herkömmlich wird mit hochfrequentem Wechselstrom verödet, also mit Hitze. Um die schädlichen Zellen präzise zu treffen, sind oft mehrere Versuche nötig. Dabei besteht unter Umständen die Gefahr, daß auch gesundes Gewebe getroffen wird. Im Gegensatz dazu werden bei der Kryoablation die Zellen durch minus 70 °C kaltes Lachgas verödet. In einem Zwischenschritt kühlt man die fragliche Stelle zunächst nur auf minus 30 °C, um zu testen, ob der gewünschte Effekt eintritt. Ist das nicht der Fall, lässt sich die Stelle einfach wieder erwärmen, ohne dass ein dauerhafter Schaden am Gewebe entsteht. Wird die Katheterablation an Gewebe an der Herzaußenseite durchgeführt, besteht zudem bei der Anwendung von Hitze die große Gefahr, dass ein Loch in der Herzwand (Perforation) entsteht. Die Gefahr einer Perforation ist beim Einsatz der Kältetechnik bzw. der Kryoablation sehr gering.

Wieviel Prozent der Patienten sind nach der Kältebehandlung am Herzen dauerhaft von ihren Rhythmusstörungen befreit?

Prof. Thomas Paul: Die Erfolgsquote liegt bei rund 95 Prozent. In sehr seltenen Fällen kommt es zu einem Rückfall, so dass der Eingriff wiederholt werden muss.

Lässt sich diese Methode nur bei Kindern anwenden?

Prof. Thomas Paul: Nein, aber bei ihnen ist sie wegen der geringeren Größe des Herzens besonders gut geeignet.

Text & Interview: Claudia Krause, ‘mach mal Pause’